Fußspuren in Südhessen

Faust-Kultur, 12.03.2018, Hans-Klaus Jungheinrich

Gemeinsame Fußspuren in Südhessen sind der hauchdünne rote Faden, der die hier besprochenen CD-Novitäten miteinander verbindet. […] In der Mainmetropole lebt zudem jetzt die Pianistin und rührige Entdeckerin von Bachbearbeitungen – Angelika Nebel. […]

Meditative Ruhe

Das pure Gegenteil zu solcher Praxis muss aber keineswegs eindrucksschwach oder unelektrisierend sein. Angelika Nebels Bachspiel atmet meditative Ruhe auch noch im lebhaft Figurativen, erst recht bei den Tastenversionen von so berühmten Arien wie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ oder „Erbarme dich“ aus der „Matthäuspassion“. Vielfach handelt es sich um Transkriptionen romantischer oder nachromantischer Tonsetzer, was der heutigen Annäherung sozusagen einen doppelt historisierenden Standpunkt abfordert. Derlei zeigt sich überzeugend etwa in der leise nostalgischen Verhangenheit der Naoumoff-Fassung von „Betrachte, meine Seel‘, mit ängstlichem Vergnügen“. Den Zusammenhalt der tendenziell heterogenen Bearbeitungen bildet Angelika Nebels Zweiklang von hingebungsvoller Poesie und struktureller Strenge – beides zusammen ergibt so etwas wie eine eherne Folgerichtigkeit des klingenden Ablaufs, eine unaufdringliche und ohne jede Theatralisierung auskommende Grandeur. Sehr schön auch der – eher lockere – Bezug zu Bachs Wohltemperiertem Klavier, der dieser Edition den griffigen Titel „Opus magnum“ zukommen ließ.
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Quelle: http://faustkultur.de/3451-0-CD-Urspruch-Telemann-Bach-Maderna.html#.WuiABsIUmUk